LOGiNJUS® Weihnachtsspezial 2017

Inventuren in der Logistik:
Ohne Ende
Probleme um Bestände

Die für den Logistik-Auftraggeber durch den Logistiker durchgeführten, notwendigen Inventuren bieten ein breites Feld an Problemen und Streitigkeiten.

Insgesamt werden Inventuren völlig zu Unrecht als Nebenfrage ohne besondere Wichtigkeit angesehen. In der lager- und logistikrechtlichen Praxis sind sie hingegen – ähnlich wie Paletten – ein Streitpunkt erster Güte und führen häufig zu hohen Streitsummen.

Kurz gesagt: Es handelt sich um ein „Minenfeld“ von A bis Z, buchstäblich: Exemplarisch beginnen wir bei A wie Anfangsbestand, über z. B. B wie Beweislast, E wie Endbestand, G wie Geschäftsbedingungen bis zu Z wie Zielbuchung bzw. dem Zwischenbestand – in der Aufzählung natürlich prozess-, nicht alphabetorientiert.


Inventuren sind eine anspruchsvolle Aufgabe in der Logistik

Zu den einzelnen Punkten:

  • A wie Anfangsbestand: Bereits der Anfangsbestand bedarf der Bestätigung durch beide Seiten, ansonsten liegt eine Beweiswirkung der Zählung praktisch nicht vor.
     
  • Auch vor der ersten Stichtagsinventur, beim laufenden Warehousing, gibt es wieder zahlreiche inventurbezogene Sonder-Sollbruchstellen:
     
  • Häufig nicht ordnungsgemäß abgebildet ist z. B. der Retourenprozess: Wann werden Retouren-Güter wieder eingebucht?Eine richtige Lösung ist, die Retouren umgehend auch wieder buchmäßig (IT-mäßig) in das Lagerverwaltungs- oder Warehouse Management-System zu vereinnahmen, jedoch bis zur Prüfung die Ordnungsmäßigkeit (z. B. Widerruf innerhalb der Frist, ordnungsgemäßer Zustand) über einen Sperr- oder Wartebestand zu verwalten. Dies ist jedoch häufig nicht (IT-)prozessmäßig ordnungsgemäß abgebildet.
     
  • Eine weitere Sondersituation ist z. B. die während der Inventur aufgedeckten abgelaufenen oder nur noch kurze Zeit laufenden MHD (Mindesthaltbarkeitsdaten). Hier stellen sich wiederum zahlreiche Fragen:Bestand überhaupt eine Pflicht des Logistikers, dies zu beachten? Wenn ja: Konnte der Dienstleister dies aufgrund der Sachlage? Dazu ist nämlich notwendig, dass ihm alle notwendigen Daten durch den Auftraggeber mitgeteilt wurden und keine widersprüchlichen oder fehlenden Anweisungen diesbezüglich vorliegen.
     
  • Nun zur Jahresendinventur:Schon die Durchführung einer Stichtagsinventur birgt Tücken: Wer führt sie durch? Der Logistiker? Der Auftraggeber? Um das Ergebnis valide und unangreifbar zu machen, sollten beide Parteien mitwirken. Auch wiederum mit der Rechtswirkung einer Quittung – nämlich der Umkehr der Beweislast für die Unrichtigkeit. In Zukunft wird auch hier die Technik bei Logistik 4.0, so z. B. durch die bereits jetzt pilotmäßig durchgeführte Zählung mittels Drohnen, Einzug halten. Auch dies bedarf wieder der korrekten vertraglichen Abbildung, auch für die Beweiswirkung.
     
  • Kommen wir zum Buchstaben E, dem Endbestand:Der Dienstleister trägt die Beweislast dafür, dass die in seine Obhut gekommenen Güter entweder noch schlicht „da“ sind oder ordnungsgemäß bei normaler Auslagerung an fremde Transportdienstleister übergeben wurden bzw. – bei einem Multi User-Distributionszentrum, z. B. durch eigene Fahrzeuge – beim Kunden ordnungsgemäß abgeliefert wurden.
     
  • Unter B wie Beweislast ist z. B. festzuhalten, dass der Auftraggeber die Beweislast dafür trägt, dass die Güter in die Lagerobhut des Dienstleisters gekommen sind. Eine bloße eigene Zählung oder gar ein elektronischer Buchbestand genügen für dieses Beweiserfordernis eindeutig nicht, mögen sie auch noch so richtig sein. Ein durchaus denkbarer Zeugenbeweis ist in der Praxis mit vielen Problemen verbunden und leicht zu erschüttern.Folgende Matrix für die Beweislage soll dies verdeutlichen:
     
      Auftraggeber Dienstleister
    Beweislast für zutreffenden Sollbestand Anfangsbestand und Zugänge Abgänge bzw. sonstiger Verbleib
    Sichere Beweisführung hierfür in der Regel durch Unterzeichnete Anfangsbestandsinventur, Quittung oder durch diesbezügliche sonstige Erklärungen, auch ausreichend ausgetauschte E-Mails zum einvernehmlichen Bestand bei Zubuchungen. Quittungen oder quittungsgleiche Mitteilungen, z. B. durch den Dienstleister übermittelte IT-Bestätigungen oder Buchungen im für den AG unzugänglichen Bestandssystem, dazu zählen natürlich auch die ordnungsgemäß bestätigten Einbuchungen von Ablieferungen bei Kunden
  • M wie Mehrbestände bei der Inventur:Treten Mehrbestände auf, also sogenannte positive Inventurdifferenzen, ist offen, was mit diesen Mehrbeständen geschieht. Die gesetzliche Lage ist relativ einfach: Sie gehören (selbstverständlich) dem Auftraggeber als Einlagerer, auch und gerade wenn dieser nicht wusste, dass sie überhaupt bestehen.
     
  • Verringern Sie nun aber im Wege der Saldierung Minderbestände bei anderen Gütern, wertmäßig gesehen?Hier ist die gesetzliche Rechtslage auch relativ einfach: Nur in dem Ausnahmefalle der sogenannten Vortragsausgleichung, dass durch ein und dasselbe Ereignis sowohl ein Minus- als auch ein Plusbestand auftritt, also insbesondere bei der klassischen Verwechselung von kommissionierten Gütern oder auch z. B. Vollpaletten.
     
    Beispiel: Der Dienstleister soll eine Palette mit dem Gut Nr. 47/11 auslagern und an den Kunden X ausliefern. Stattdessen liefert er irrtümlich eine daneben stehende Vollpalette mit dem Gut 47/12. Durch diesen Fehler ist (natürlich) bei dem Gut 47/11 ein Mehrbestand von einer Palette und bei dem Gut 47/12 ein Minderbestand von einer Palette. Wird dies durch den Kunden des Auftraggebers nicht bemerkt oder aber akzeptiert, ist die klassische Plus-/Minus-Saldierung gegeben.

    Jedoch: Der Lagerdienstleister muss genau diese Lage beweisen, was insbesondere bei nicht verwechselungsfähigen Gütern ex definitione praktisch ausgeschlossen ist: Eine Verwechslung von einer Palette Milch mit z. B. einer Palette Corned Beef ist praktisch ausgeschlossen, jedenfalls dürfte sie vom Kunden nicht akzeptiert werden. Damit scheidet also bereits begrifflich eine Aufrechnung oder Verrechnung des Plus- und Minusbestandes aus. Der Dienstleister hat den Minderbestand schlicht zu zahlen.

  • G wie Geschäftsbedingungen:Hier ist auf die Sonderregelungen zu Inventurdifferenzen in den ADSp 2017 hinzuweisen und gleichzeitig auch eine Haftungsbegrenzung auf 8,33 SZR je Kilogramm Rohgewicht des Gutes. Die Haftungsbegrenzung nach Verrechnung von Plus- auf Minusbestand beläuft sich auf 70.000,00 € pro Inventur.
     
    Allerdings bestehen gegen die Wirksamkeit dieser AGB-Klausel durchaus juristische Bedenken. Manche Autoren halten diese für unwirksam, weil sie einen wesentlichen Verstoß gegen die anerkennenswerten Interessen des Auftraggebers darstellen, da ihm sein Eigentum wirtschaftlich gesehen mittels Aufrechnung genommen wird.
     
    Individualvertraglich kann dies vereinbart werden; dies hat unter anderem den Vorteil, dass man einen günstigen Haftungsversicherungsschutz für den saldierten Betrag über die Verkehrshaftungsversicherung des Dienstleisters erhält. Als Dienstleister sollte man sich somit individualvertraglich durch Vereinbarung einer ADSp 2017-ähnlichen Regelung absichern. Ein Auftraggeber hingegen muss abwägen, ob der Vorteil dieser Versicherungsdeckung die eben genannten Nachteile aufwiegt.
     
  • S wie Selbstbehalt bei Haftung:Auch die vertragliche Aufnahme von bestimmten sogenannten Selbstbehalten, also z. B. ein Prozent- oder Promillesatz vom Gesamtlagerwert zum Inventurstichtag, „ohne dass es zu einer Ersatzpflicht des Dienstleisters führt“, ist häufig. Ähnlich wie bei einer Pkw-Kasko-Versicherung der Selbstbehalt, ist dies eine durchaus häufige und sinnvolle Gestaltung. Eine solche Klausel enthalten die ADSp 2017 bemerkenswerter Weise nicht, obwohl eine solche Regelung im Rahmen von Geschäftsbedingungen ohne Weiteres „halten“ würde.

Resümee

An diesen wenigen Beispielen zeigt sich, dass bei der Vertragsverhandlung und –gestaltung Inventuren durchaus einen wichtigen Gestaltungspunkt im Hinblick auf die Haftung und Haftungsbegrenzung des Dienstleisters darstellen und man hier sehr genau prüfen muss, was die günstigste Gestaltung in der jeweiligen Lage für Auftraggeber oder Dienstleister ist. Insbesondere gilt es auch den versicherungstechnischen Teil inklusive Versicherungsprämie zu bewerten. Bei Inventuren kann es auch bei einem nicht allzu großen Lager sehr leicht zu Schäden in Höhe von mehreren 100.000,00 € kommen.

Hierzu gibt es seit Neustem das markenrechtlich geschützte Prüfungs- und Gestaltungsprogramm LOGiINVENTUR®, mit welchem alle rechtsrelevanten Fragen betreffend Inventur – optimierte Vertragsgestaltung, Durchführung, rechtliche Bewertung für Inventurstreitigkeiten – im Rahmen einer hoch ausdifferenzierten Prüfungs- und Gestaltungscheckliste unter Best Practice-Gesichtspunkten festgestellt und gelöst werden und optimierte Gestaltungen für den jeweiligen Klienten unter Berücksichtigung von Akzeptanz für den Geschäftspartner aufgezeigt werden.

Aufgrund der hohen Intensität des Check- und Gestaltungssystems erfolgt die Abrechnung nach Flatrate-Sätzen.